REINHARD MATZ

KUNSTREPRODUKTION ALS INTERPRETIERENDE KUNST. 145 JAHRE AUSSTATTUNGSFOTOGRAFIE AM KÖLNER DOM
III
1. Theoretisches
gut oder schlecht wiedergeben, sich damit aber kaum als eigenständige Kunst etablieren. Das fotografische Menschenbild auf der anderen Seite bietet der Bildbestimmung in vielfältigen Nuancierungen so viele konzeptionelle und technische Zugriffsmöglichkeiten, dass es heute zweifellos als selbstständige Kunst aufgefasst werden kann (wenn auch nicht jedes fotografische Portrait diesen Anspruch einlöst).

Werke der plastischen Kunst wären nun als Fotoobjekte zwischen Gemälden einerseits und lebenden Menschen andererseits angesiedelt. "Skulptur und Fotografie sind beides Lichtkünste;, schreiben Dominique Paine und Michel Frizot in ihrer Einleitung zur Ausstellung Fotografie/Sculpture, "vor und unabhängig von ihrem Zusammenwirken. Eine Skulptur ist je nach dem Licht, in das sie gestellt ist, bis zu dem Punkt unterschiedlich einzuschätzen, dass zwei verschiedene Beleuchtungen zwei unvergleichliche Formen wahrnehmen lassen„.4 Fotografien von Skulpturen sind demnach doppelte ästhetische Objekte, die Kunst der Bildhauerei wird durch die Bildkunst der Fotografie vereinnahmt und überlagert.

Schwächer wohl als ein Schauspieler die ihm vorgegebene Rolle mit sich und seiner Vorstellung von der gespielten Figur verbindet, aber in mindestens ebenso starkem Sinne, wie ein Dirigent sein Orchester eine Partitur spielen lässt, lassen sich Fotografien plastischer Kunstwerke mithin als interpretierende Kunst begreifen. 5 Der Fotograf kann seinem Objekt weder etwas wegnehmen noch hinzufügen. Aber er wählt eine Perspektive, er kann mit Filtern unmerkliche Farbwirkungen erzielen, er fügt das Objekt, wenn auch nicht immer in eine absichtsvolle Komposition so doch in einen engeren oder weiteren Bildrahmen, und vor allem stellt er es in ein von ihm zu bestimmendes Licht, das Eigenheiten des vorgegebenen Werkes betont oder zurückhält. Der Akt des auswählenden Zugriffs ist unvermeidlich, es gibt keine neutrale Ansicht plastischer Objekte.

Um den Begriff zu verifizieren, zeige ich zwei fremde und drei eigene Fotografien vorn Kölner Chorgestühl. Alle fünf zeigen die Miserikordie NI.6, die, ja was eigentlich darstellt?

Bernhard von Tieschowitz, der 1930 die Abbildung 1 des Kunsthistorischen Instituts Marburg vor Augen hatte, beschreibt sie so: "Aus einer durch wenige große Faltenzüge gegliederten Tuchdraperie blickt das Gesicht eines Mannes, knochig, mit breiten aufgestülpten Lippen und platter gewöhnlicher Nase hervor. Sein Ausdruck ist brutal und schadenfroh.„ 6 Ulrike Bergmann, in Kenntnis der Publikation von
Miserikordie NI.6 des Kölner Chorgestühls:
Abb. 1: Aufnahme des Kunsthistorischen Instituts/Foto Marburg, 1927 (bis in die 1950er Jahre trug das Chorgestühl einen braunen Anstrich aus dem 19. Jahrhundert)
Abb. 2: Gez. DA., Aufnahme nach der Restaurierung in den 1950er Jahren, Dombauarchiv
.